ads

PFC, PFT, PFOA die Zweite

Etwa ein gutes Jahr nach seiner Detox Kampagne, die sich unter anderem kritisch mit PFC, PFT und Co in Outdoor Bekleidung auseinandersetzt(e), legt Greenpeace zum Jahrensende noch einmal nach und veröffentlichte jüngst einen neuen Bericht zum Thema PFC-Chemikalien in Funktionsbekleidung: 17 Kleidungsstücke (Jacken und Handschuhe) bekannter Outdoor Firmen wie z.B. Jack Wolfskin, Mammut, Vaude, The North Face und einigen weiteren Herstellern wurden von Greenpeace im Labor auf Schadstoffe überprüft und leider wurde man auch diesmal wieder fündig.

Die als perfluorierte Tenside bezeichneten Verbindungen wie das (insbesondere) in der Kritik stehende 8:2 FTOH verleihen Textilien wasser- und fettabweisende Eigenschaften und sorgen (nicht nur in Outdoor Bekleidung) für den bekannten "Abperleffekt" bei Nässe. Bis auf wenige Ausnahmen basieren nach wie vor nahezu alle am Markt etablierten Imprägnierungen, Membranen und Beschichtungen auf diesen chemischen Verbindungen und nach Aussage mancher Hersteller ist die Verwendung für eine optimale Funktionalität (noch) "alternativlos".

Abperleffekt
"Abperleffekt" - zu welchem Preis? Welche Alternative bleibt?
Das Problem dabei: Die genannten chemischen Verbindungen bauen sich nur schwer bzw. gar nicht ab und reichern sich unaufhaltsam in der Natur und über die Nahrungskette schließlich auch in uns an; mit bisher noch nicht eindeutigen - aber mit Sicherheit nicht positiven - Folgen für die Gesundheit.

Zwar stellte Greenpeace fest, dass es im Vergleich zur vergangenen Studie in der Outdoor Textilindustrie durchaus merkliche Fortschritte bei der Beseitigung bzw. Vermeidung schädlicher PFOA Chemikalien gibt, bei genauem Hinsehen zeigt sich jedoch bei einigen Herstellern lediglich ein Verlagerungsprozess von einem chemischen Übel auf ein anderes. Statt den umstrittenen 8:2 FTOH Fluorverbindungen werden nun offenbar  von vielen Outdoor-Marken 6:2 FTOH als vermeintlich harmlose Alternative eingesetzt.

Bären aufgebunden

Nick Brown
Nick Brown - Bild Nikwax
Nick Brown, Gründer des britischen Outdoor Pflegemittelherstellers Nikwax und der noch recht jungen Bekleidungsmarke Páramo (beide Marken produzieren von Anfang an PFC frei), äußerte sich auf das oben genannte vorgehen angesprochen wie folgt:
Als mir gesagt wurde, dass C6 eine sichere Alternative zu C8-Verbindungen sei, begann ich dieser Behauptung nachzugehen. Ich fand heraus, dass C6 keineswegs als sicherer nachgewiesen wurde, es wurden lediglich weniger Tests durchgeführt die bewiesen, dass es ebenso gefährlich ist. Einziger Grund hierfür ist, dass C6 im Vergleich zu PFC C8-Chemikalien bislang noch nicht so viel in die Umwelt gelangt ist. C6 mit C8 zu vergleichen ist wie der Vergleich zwischen einem Grizzlybär und einem Eisbär. Man stelle sich vor, dass ein Inuit in einem kanadischen Wald zum ersten Mal einem Grizzlybären begegnet. Der Inuit hat keinerlei Beweis, dass der Grizzly gefährlich ist, kann aber sehen, dass der Bär genau so große Zähne und scharfe Krallen hat wie der Eisbär. Es ist definitiv ein Bär. Dann sollte man ihm auch nicht wie einem Rentier gegenübertreten!

Dicke Luft

Ein neu aufgedecktetes Problem bei der Verwendung von 6:2 FTOHs: Diese Verbindungen sind relativ flüchtig und werden scheinbar durch Ausdünstungen leicht an die Umgebungsluft weitergegeben. Gerade in Outdoor Läden soll man hier deutlich erhöhte Schadstoff-Werte festgestellt haben. Fundierte Untersuchungen gibt es in diesem Fall aber scheinbar nicht und es gibt wohl auch keinen Grund zur Panik. Gore stellte in seiner unmittelbar auf den Greenpeace Bericht erschienenen Pressemeldung jedenfalls klar, dass für Nutzer von GORE-TEX Produkten kein Gesundheitsrisiko besteht; schon gar nicht über die Luft.

Alternativen zu PFOA

Outdoor bekleidung früher
früher...
Der WDR schickte im Zuge einer aktuellen Reportage zum Thema Chemie in Outdoor Bekleidung (Video in der Mediathek anschauen) eine Dame auf Testeinkauf - mit einem ernüchterndem Ergebnis für den Outdoor Fachhandel: Im lokalen Globetrotter konnte/wollte man ihr bei der Suche nach einer neuen Wetterschutzjacke jedenfalls nichts "ohne Chemie" anbieten.
Im Beitrag war das Beratungsgespräch im Geschäft nicht zu sehen, aber nach den Schilderungen der Dame äußerte sich der Verkäufer in etwa so, dass es keine absolut zuverlässig funktionierenden Fluor-freien Funktionsjacken gäbe und sie sich entscheiden müsse, "ob sie in diesem Jahrhunder leben wolle oder in einem anderen".
Im Beitrag wurden dann jedoch durchaus noch einige (übrigens auch im Globetrotter) schon jetzt erhätlichen umweltfreundlicheren Alternativen wie Sympatex, H2NO von Patagonia oder die gute alte gewachste Baumwolljacke genannt.

Der erhobene Zeigefinger

Funktionsbekleidung ist längst nicht mehr nur Bergsteigern und Abenteurern vorbehalten, sondern erstreckt sich absolut in den normalen Alltag und das finde ich auch durchaus in Ordnung - als Outdoor Blogger ist man wohl auch ein bisschen voreingenommen ;-). Man kann natürlich lange darüber streiten was man wirklich braucht und was nicht, aber nicht selten diskutiert man hier mit jemandem kritisch über die Notwendigkeit einer Funktionsjacke, der gleichzeitig nicht zögern würde mit seinem 8-Kern-Prozessor-Smartphone aus dem SUV in der Kölner Innenstadt ein Instagramm Bild vom Dom bei Facebook zu posten.... was man halt nicht so alles braucht... 

Das Thema ist natürlich absolut ernst, aber was mir grundsätzlich missfällt, ist der höher als überall sonst erhobene Zeigefinger gegenüber der Outdoor Industrie. Klar, wohl nirgendwo sonst wirbt man so intensiv mit der Natur und ist gleichzeitig davon so abhängig, aber das kritisierte Chemie-Zeug ist nahezu überall vorhanden. Unzählige Alltagsprodukte wie z.B. ein schnöder Teppich oder Fußmatten sind damit behandelt und 0815 Regenjacken verkauft inzwischen auch jedes Kaufhaus oder gar der Discounter nebenan...übrigens - ziemlich sicher - in noch viel, viel größeren Stückzahlen als es sich die klassischen Outdoor Hersteller erträumen würden.

Sicher ist das alles keine Entschuldigung für eventuelle Versäumnisse der Outdoor Industrie, aber das Problem ist letztlich nicht nur auf den Outdoor Sektor beschränkt. Hier kommt nur hinzu, dass Natur und Technik so offensichtlich verzahnt sind und die Kundengruppe entsprechend sensibel reagiert. Dennoch nehmen viele Konsumenten die Gefahren billigend und manchmal ohne Not in Kauf. Letzteres macht für mich übrigens auch die (im WDR Beitrag vermeintlich zitierte) Argumentation des Globetrotter Verkäufers nachvollziehbar bzw. ich kann mir vorstellen welche Erfahrungen er vielleicht schon mit Kunden gemacht hat. Hier muss ich einfach mal am Rande der Schadstoff Diskussion eine Lanze für den Handel brechen:

Verantwortung liegt bei uns allen

Der Durchschnittskunde im Outdoorladen erwartet heutzutage meistens entweder billigsten Ramsch Top-Preis-Leistung oder (gerade im spezialisierten Fachhandel überwiegend) ein absolutes Spitzen-Produkt; koste es auch mal was es wolle.... und wehe das funktioniert nicht einwandfrei, dann ist der Ärger groß.

Natürlich würden vielen Menschen im Alltag auch umweltfreundlichere und vielleicht weniger funktionelle Materialien genügen, aber schnell ist man als Konsument bei der Frage "Was ist Leistungsfähiger? Was kann ich vielfältiger Einsetzen? Was ist das Beste am Markt? Was ist die Wollmilchsau?". Als Verkäufer argumentiert man dann vielleicht über die Vorzüge dieser und jener Faser und weiß oft immer noch nicht was der Kunde eigentlich ganz genau damit anstellen will...z.B. weil der erwähnte "Hundespaziergang im Regen" sich irgendwo zwischen gelegentlich 10 Minuten zur nächsten Laterne vor dem Haus oder bis zu 4 Stunden entlang des Rheins erstrecken kann.

Outdoor Pflege
PFC-freie Pflegemittel
Gewachste Kleidung zum Beispiel klingt in der Theorie als gute Alternative zu Hightech-Materialien, in der Praxis zeigen sich viele Kunden aber schon vom einfachen regelmäßigen Waschen der teuren Funktionsbekleidung abgeschreckt und stöhnen bei jedem noch so gut gemeinten Pflegetipp...frei nach dem Motto: "Das war teuer, das muss doch auch so funktionieren! Habe ich doch keine Lust mich mit zu beschäftigen!" Da will man gar nicht an eine regelmäßig notwendige Erneuerung der Wachsbehandlung denken...die Faulheit und der Unwille zu Kompromissen überwiegt da leicht dem Umweltschutz. Das setzt sich auch bei den nachträglich auftragbaren Imrägniermitteln fort und nicht wenige Konsumenten greifen - obwohl Alternativen vorhanden - trotzdem zum "Giftmischer", weil der eben aus der Erfahrung "besser funktioniert". Ob dieser nun grün, blau, oder rot gelabelt ist, spielt für viele nur eine untergeordnete Rolle.

Kritisch zu betrachten ist auch das individuelle Nutzunsverhalten vieler Verbraucher. Es macht schon einen Unterschied, ob jemand auf meistens recht teure Funktionsbekleidung lange spart und diese dann über viele Jahre bei zahlreichen mehr oder weniger anspruchsvollen Touren trägt oder die Klamotten bereits nach einer Saison wegen aus der Mode gekommenen Schnitte entsorgt und sich etwas neues in aktueller Farbe zulegt. Wo beginnt und endet da jetzt Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein?

Traurige Realität bisher: Absolut kompromisslose, umweltfreundliche Alternativen zu chemisch behandelter Outdoor Bekleidung sind rar und stoßen bei anspruchsvollen Aktivitäten an Grenzen, bei bestimmten Anforderungen bleibt hier also keine Wahl. Ob ich in meinen Alltagsanforderungen aber überhaupt diese Kompromisse bemerke, steht auf einem anderen Blatt. Hier hat jeder Konsument durchaus die Wahl sich zu entscheiden und seine Anforderungen an funktionelle Bekleidung zu hinterfragen und vielleicht auch Ansprüche zurück zu schrauben und ein anderes Produkt zu wählen.

Mit Blick auf PFOA wird es Verbrauchern bei der Auswahl aber auch nicht ganz leicht gemacht. Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Umweltsiegel wie bluesign oder ökotex, die geben aber in der Regel kaum konkrete Hinweise auf die (Nicht-)Verwendung von PFC, da der Einsatz in Grenzen durchaus erlaubt bleiben kann. Die Diskussion darüber kann man aber durchaus kritisch führen (1,2).

Große Ziele

Outdoor BekleidungViele Outdoor Unternehmen haben sich in Sachen Umweltschutz anspruchsvolle Ziele gesteckt und wollen bis 2020 gefährliche Chemikalien aus ihrem Sortiment verbannen. Jack Wolfskin verkündete ebenfalls im Zusammenhang mit der zweiten Runde der Greenpeace Detox Kampagne in einer Pressemeldung bereits zum Winter 2014 - und damit 2 Jahre früher als ursprünglich geplant - in der Hälfte seiner Bekleidungskollektion auf PFC zu verzichten. In der aktuellen Greenpeace Untersuchung gehörte Wolfskin aber zusammen mit Schöffel und The North Face noch zu den Spitzenreitern bei nachgewiesenen per- und polyfluorierten Chemikalien.
Wolfskin kommuniziert erfreulicherweise ehrlich was Sache ist und wahrscheinlich auch viele andere denken : "PFC sind bis heute nahezu unerlässlich, um Wasser-, Öl- und Schmutzabweisung in verschiedensten Anwendungen zu gewährleisten" - man arbeitet aber an Alternativen.

Produkte und auch das Anspruchsdenken der Nutzer werden nicht von gleich auf jetzt kehrtwenden und schon gar nicht lassen sich Alternativen so einfach auf den Markt zaubern. Hersteller wie zum Beispiel Paramo, Vaude mit Sympatex oder H2NO von Patagonia haben aber bereits einen guten Kurs eingeschlagen und auch die Besinnung auf altgediente Materialien wie Loden (z.B. Rough Stuff) oder gewachste Baumwolle ist sicherlich nicht verkehrt.
Das wird kein leichter und schneller weg und hin und wieder wird man wohl auch auf schwer oder auch gar nicht zu überwindende Hürden stoßen, um so wichtiger ist die unaufgeregte Diskussion mit allen beteiligten ohne destruktiven Öko-Populismus. Auf der bald anstehende ISPO dürfte es in jedem Fall noch reichlich Gesprächsstoff geben. Wir sind gespannt.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
Top